aleman-italiano-español

8. Jaenner 2004 Emiliano Zapata, Gemeinde Tila, Zona Norte, Chiapas

Raus mit dem Militaer aus unserem Dorf

Luca Martinelli, CIEPAC A.C.

(Uebersetzung: Christof Kössler)

Aufbruch von San Cristobal de Las Casas um 5 Uhr morgens im Dunkel der Nacht.

Mit 3 Fahrzeugen und einem unverwuestlichen Vokswagen Kaefer beginnt die Reise zum Ejido (Komunalland) Emiliano Zapata, Gemeindegebiet von Tila, Zona Norte, Chiapas; mit dabei die beiden Menschenrechtsorganisationen Red de Defensores Comuitarios und Fray Bartolomé de las Casas, die Presse und Mitglieder der Zivilgesellschaft.

Fuer 11 Uhr ist vor Ort eine Demonstration angekuendigt, die in der Ejidialversammlung von der Mehrheit der dort lebenden Familien – sowohl Unterstuetzungsbasen der EZLN, als auch Mitglieder des PRI und des PRD – beschlossen wurde, um fuer einen Abzug des seit 1995 bestehenden Militaerlagers zu protestieren, das knappe 5 ha Gemeindeland umfasst.

Nach einer langen Fahrt quer durch die Zona Norte, erreichen wir Emiliano Zapata gegen 10:30. Unterwegs fallen links und rechts der Strasse die vielen Tafeln auf, die seit einigen Monaten auf den Routen nach Sabanilla und Salto de Agua wie Pilze aus dem Boden schiessen und Zapatistisches Territorium markieren: “Hier befiehlt das Volk, und die Regierung gehorcht”.

Auf dem Weg nach Emiliano Zapata kommentiert Hermann Bellinghausen, Korrespondent der mexikanischen Tageszeitung “La Jornada”, die Neugruendung Autonomer Gemeinden (“municipios autonomos”) in der Zona Norte als einen schweren Schlag seitens der Zapatisten, sowohl fuer das mexikanische Militaer (das ueber eine starke Praesenz in der Region  verfuegt), als auch fuer die paramilitaerischen Verbaende insbesondere fuer Desarollo, Paz y Justicia (“Entwicklung, Friede und Gerechtigkeit” A.d.Ue.), die viele Doerfer in diesem Teil von Chiapas kontrollieren. In der Zwischenzeit muessen die Zapatisten auf der Hut sein, um fuer moegliche Uebergriffe der Militaers und Paramilitaers gewappnet zu sein.

Eine kleine Schar von Maennern und Frauen erwarten uns bereits auf der Hauptstrasse, die ins Zentrum des Dorfes fuehrt; wir begleiten sie bis zum Militaerlager des 31. Infanterieregiments des Militaerdistrikts 39, wo sich bereits eine Abordnung der Militaerpolizei hinter Stacheldraht formiert hat, um den Eintritt ins Lager zu unterbinden; insgesamt etwa 20 Soldaten bewaffnet mit Knueppeln und Schildern, einige mit Gewehren, andere mit Fotoapparaten und Videokameras. Die anwesenden Frauen und Maenner, die der Ethnie der chol angehoeren, antworten wiederholt einstimmig einem ihrer Anfuehrer auf die Frage “Was wollt ihr?” mit einem “Raus mit dem Militaer aus unserem Dorf!”

Ein Vertreter des Ejidialrats liest mit lauter Stimme mehrere Kommuniqués vor, die an die Leitung des Militaerlagers gerichtet sind. Letztere wurde in der Vergangenheit mehrfach aufgefordert, die durch die Militaerpraesenz im Dorf hervorgerufenen Probleme zu besprechen.

“Bereits nach ihrer Ankunft 1995 begannen die Soldaten unseren Frauen nachzustellen und Marhiuana auf der Bruecke zu rauchen.  Sie animieren unsere Kinder zum Rauchen von Marhiuana und zwingen sie dann zum Geschlechtsverkehr mit den Prostituierten, die durch die Militaerbasis angezogen werden. Sie haben uns den Alkohol wieder eingeschleppt, der vom Dorf zuvor bereits verbannt wurde”. Auch der vom Oberst versprochene Schadenersatz fuer ein von einem Hummer (Militaerfahrzeug) ueberfahrenes Kind hat die betroffene Familie noch nie erhalten.

“Viele unserer Toechter wurden von Soldaten verfuehrt, geschwaengert und dann sitzen gelassen, vielfach mit kleinen Kindern”.

Das Militaer, das in unser Dorf kam um “den Frieden Aufrecht zu erhalten, fuer Recht und Ordnung zu sorgen und den Drogenhandel zu unterbinden”, hat in Wirklichkeit fuer eine starke Spaltung desselben gesorgt, Einige Familien – die Inhaber der kleinen Gemischtwarenhandlungen (“tiendas”), die den Soldaten Erfrischungsgetraenke und Snacks verkaufen, die die Waesche der Soldaten waschen – zeigen wenig Verstaendnis fuer die schriftlich ueberreichten Forderungen zur Abwanderung der Militaers und unterstreichen ihre Ablehnung mit dem Wurf von Steinen auf die Demonstranten bei deren Rueckzug Richtung Dorfzentrum.

Der anwesende Leutnant, bedingt durch die momentane Abwesenheit seiner Vorgesetzten, verantwortlich fuer das Militaerlager, unterzeichnet saemtliche vom Ejidalrat ausgearbeiteten Dokumente mit “Erhalten” und verspricht diese an seine Vorgesetzten weiterzureichen und selbige zu informieren.

“Wenn ihr bis zum 22. Jaenner nicht das Militaerlager geraeumt habt, dann werden wir alle zusammen zurueckkommen und dafuer sorgen! Wir sind imstande uns selbst zu schuetzen; ihr, die ihr unser Gemeindeland besetzt habt, seit uns von keinem Nutzen”, beschliessen die Vertreter vom Ejidalrat ihr Manifest, Muede von den vielen leeren Versprechungen der mexikanischen Regierung ueber die Abruestung von Militaerlagern.